Kreativität anregen: wie du deine Fantasie stärkst
Kreativität ist keine Begabung, sondern eine Gewohnheit. Was sie fördert und was sie zuverlässig verhindert.
Evils-Toy-Redaktion
Kreativität wird meist als Eigenschaft beschrieben, die man hat oder nicht hat. Das ist unpraktisch, weil man daraus nichts ableiten kann. Nützlicher ist die Beschreibung als Tätigkeit: etwas Vorhandenes neu kombinieren, unter einer Einschränkung. Beides lässt sich üben.
Warum Einschränkungen helfen
Ein leeres Blatt und die Aufforderung, kreativ zu sein, produziert bei den meisten Menschen gar nichts. Eine enge Aufgabe dagegen fast immer etwas. Genau das ist der Grund, warum bestimmte Spiele so gut funktionieren: Sie geben eine Beschränkung vor, an der man sich abarbeiten kann.
Dixit verlangt einen Hinweis zu einem surrealen Bild, der weder zu genau noch zu vage sein darf. Diese Zange erzeugt zuverlässig ungewöhnliche Formulierungen.
Just One streicht doppelte Hinweise. Wer das naheliegende Wort schreibt, hat umsonst geschrieben. Also sucht man das zweitnaheliegende.
Story Cubes geben neun zufällige Bildwürfel vor, aus denen eine Geschichte werden soll.
Bei allen dreien ist die Einschränkung der Motor, nicht das Hindernis.
Material, das offen genug ist
Bei Kindern gilt eine einfache Faustregel: Je weniger ein Gegenstand vorgibt, desto mehr passiert damit. Bauklötze, Konstruktionsspielzeug, Papier, Stoffreste und Kartons haben keinen vorgesehenen Ablauf. Spielzeug mit Knopf und Tonausgabe hat genau einen.
Das ist kein Argument gegen fertiges Spielzeug, sondern eines für die Mischung. Wer nur Material hat, das eine einzige Handlung erlaubt, spielt diese Handlung.
Langeweile ist eine Voraussetzung
Der unbequemste Punkt: Kreative Einfälle entstehen überdurchschnittlich oft in unstrukturierten Phasen, nicht in gefüllten. Ein Nachmittag ohne Programm ist kein Versäumnis, sondern die Bedingung dafür, dass Kinder sich etwas ausdenken. Dasselbe gilt für Erwachsene, nur dass dort die Lücke meist sofort mit dem Handy gefüllt wird.
Was Kreativität zuverlässig verhindert
- Bewertung während des Machens. Wer beim Zeichnen schon beurteilt, hört auf.
- Ein Ergebnis, das vorher feststeht. Ausmalbilder sind nützlich für Feinmotorik, siehe Geschicklichkeitsspiele, aber sie sind keine Kreativitätsübung.
- Lob für Talent statt für Aufwand. Wer für Begabung gelobt wird, vermeidet später Aufgaben, bei denen er schlecht aussehen könnte.
Für Erwachsene
Dieselben Prinzipien gelten weiter, nur ist der Zugang verstellt. Drei Formate funktionieren erfahrungsgemäß gut:
- Etwas mit klarer Beschränkung anfangen. Ein Format, ein Material, ein Zeitlimit.
- Regelmäßigkeit vor Umfang. Zwanzig Minuten mehrfach pro Woche schlagen einen ganzen Sonntag im Monat.
- Fertigmachen statt optimieren. Ein abgeschlossenes mittelmäßiges Ergebnis bringt mehr als drei perfekte Anfänge.
Der Zusammenhang mit Lesen
Erzählende Literatur liefert das Rohmaterial, aus dem sich Vorstellungen zusammensetzen. Wer nichts aufnimmt, hat nichts zu kombinieren. Mehr dazu steht in der Übersicht zum Lesen als Hobby.